Kinderosteopathie

Kinderosteopathie

Es gibt keine grundsätzlichen Unterschiede in der osteopathischen Behandlung von Kindern und Erwachsenen. Die Wahl der Behandlungstechniken ist jedoch besonders auf das sich im Wachstum befindliche Gewebe angepasst.
Schon der Begründer der Osteopathie Andrew Taylor Still sah in der Behandlung von Kindern eine besondere Bedeutung. So sollten Entwicklungsverzögerungen und andere Auffälligkeiten frühzeitig erkannt und behandelt werden, um die enorme Entwicklungsdynamik des Kindes nicht zu gefährden.

Als Faktoren, die diese Entwicklungsdynamik bereits rund um die Geburt negativ beeinflussen können, gelten besonders:
  • ungünstige Lagen des Kindes im Mutterleib
  • übermäßiger Druck auf den Schädel und die Wirbelsäule des Kindes
  • Saugglocken- oder Zangengeburt
  • Kaiserschnitt

Ob ein Kind daraus nun Entwicklungsverzögerungen oder Auffälligkeiten entwickelt, ist abhängig von der Stärke der ursächlichen Einwirkung und von den Kompensationsmöglichkeiten des Kindes. Es soll nicht der Anschein erweckt werden, dass jede Geburt zu Störungen in der Entwicklung des Kindes führt.

Im Folgenden werden nun einige Beispiele für Problematiken gegeben, die bei der osteopathischen Arbeit mit Kindern häufig auftauchen und Folgen von den oben genannten Faktoren sein können.

Aus rechtlichen Gründen wird darauf hingewiesen, dass in der Benennung der beispielhaft aufgeführten Anwendungsgebiete selbstverständlich kein Heilversprechen oder die Garantie einer Linderung oder Verbesserung aufgeführter Krankheitszustände liegen kann. Die Anwendungsgebiete beruhen auf Erkenntnissen und Erfahrungen in der hier vorgestellten Therapierichtung (Osteopathie) selbst. Nicht für jeden Bereich besteht eine relevante Anzahl von gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen, d.h. evidenzbasierten Studien, die die Wirkung bzw. therapeutische Wirksamkeit belegen.

 

 

Säuglinge:

 

KISS- Syndrom (Kopfgelenk induzierte Symmetriestörung)

Das oft auch von Kinderärzten diagnostizierte KISS- Syndrom stellt eine Bewegungsstörung der oberen Halswirbelsäule dar. Unterschieden wird zwischen KISS I und KISS II. Bei KISS I hält das Kind den Kopf eher einseitig und liegt in Rückenlage sichelartig. KISS II ist gekennzeichnet durch eine eher überstreckte Haltung des Kopfes und ein Unbehagen in der Bauchlage. Bei beiden  Formen tritt oft eine deutliche Empfindlichkeit am Hinterkopf z.B. beim An- und Ausziehen auf.

Aus diesen bevorzugten Lagen des Kopfes resultieren oft Schädel- und Gesichtsasymmetrien wie z.B. eine seitliche oder globale Abflachung des Hinterkopfes, die oft deutlicher sichtbar sind als die anfänglich bevorzugten Kopfhaltungen. Aber auch bei anderen Problematiken gilt das KISS- Syndrom als unterliegende Ursache.

 

Funktionelle Saug- und Schluckstörungen

Im Bereich des Schädels befinden sich Austrittsstellen von Hirnnerven, die für die Steuerung des Saug- und Schluckvorgangs verantwortlich sind. Der kindliche Schädel ist noch sehr beweglich, so dass es bei ungünstigen Krafteinwirkungen zu einer Einengung der Austrittsstellen kommen kann. Die mögliche Folge ist  eine Funktionsstörung der wichtigen Nerven mit Störungen der komplizierten Schluck- und Saugmotorik.

Folgen davon können wiederum Gedeihstörungen oder der verminderte Aufbau eines Nestschutzes durch das Stillen sein.

 

Schreikinder

Hierbei kommt es bei den Kindern zu übermäßigem Schreien. Doch wie viel Schreien ist denn normal? Folgende Faustregel definiert übermäßiges Schreien: Der Säugling schreit mehr als 3 Stunden täglich, an mehr als 3 Tagen in der Woche, über einen Zeitraum von mindestens 3 Wochen.

Die Ursachen können sehr unterschiedlich sein und sind oft unklar. Verschiedene Berufszweige haben dazu eigene Erklärungsmodelle entwickelt. Aus osteopathischer Sicht, ist eine mögliche Ursache ein übermäßiges Zurückfließen von Mageninhalt in die Speiseröhre, welches zu einer Reizung dieser führt. Bei Erwachsenen ist dies als Sodbrennen bekannt. Bei Säuglingen funktioniert der Verschlussmechanismus des Mageneingangs oft noch nicht so gut und kann zusätzlich durch andere Faktoren negativ beeinflusst werden. So kann es z.B. bei bestehendem KISS- Syndrom durch eine Einengung eines Nervs im Bereich des Kopfes zu einem verschlechterten Mageneingangsverschluss kommen.

Wichtig hierbei ist zu sagen, dass ein gewisses Maß an Heraufwürgen von Mageninhalt bei Säuglingen normal ist. Geschieht dies in einem verstärkten Maß wird oft von einem Speikind gesprochen. Zusätzlich sollte aber darauf geachtet werden, ob der Säugling weiter an Köpergewicht zunimmt oder nicht. Ist dies nicht der Fall, könnte z.B. eine Verengung des Magenausgangs zu Grunde liegen. Eine schulmedizinische Abklärung wäre in diesem Fall notwendig.

Auch kommen die so genannten 3- Monats- Koliken als Ursache für übermäßiges Schreien in Frage. Hierbei kommt es zu krampfartigen Anspannungen des Darms, welche für den Säugling natürlich sehr unangenehm sein kann. Auch hier könnte ein bestehendes KISS- Syndrom mit Einengung des „Hauptverdauungsnerven“ im Bereich des Kopfes eine Ursache darstellen. Im Bereich des Darms selber befindet sich zusätzlich ein eigenes Nervensystem, wobei sich das Zusammenspiel verschiedener Überträgerstoffe erst einspielen muss. Auch hierbei kann eine Ursache für die Koliken gefunden werden.

Alle genannten funktionellen Ursachen für die genannten Problematiken können durch osteopathische Behandlungen positiv beeinflusst werden.

 

Kleinkinder:

Typisch für diese Altersgruppe ist, dass die Kinder häufiger krank sind. Mit dem Durchleben dieser Krankheiten wird das das Immunsystem geschult. Kinder bekommen mal einen Schnupfen, Husten, eine Mandelentzündung oder auch mal eine Mittelohrentzündung. Dies ist eher gewöhnlich und auch meist unbedenklich. Gerade wenn das Kind mehr sozialen Kontakt (z.B. Kindergarten) bekommt, steigt die Häufigkeit von Infekten oft an.

Besonders immer wiederkehrende Prozesse sind osteopathisch von Bedeutung, da sie oft geschwächte Körperregionen anzeigen. Z.B. ist bei häufigen Mittelohrentzündungen der natürliche Sekretabfluss vom Mittelohr in den Nasen- Rachenraum verschlechtert, welches einen Sekretstau mit neuer Entzündung provoziert. Osteopathisch kann dieser Sekretabfluss bzw. die "Belüftung" des Mittelohrs unterstützt werden. Oft begünstigen aber auch vergrößerte Rachenmandeln einen Sekretstau oder das Kind wird durch eine ungünstige Darmflora in seinen Abwehrkräften gestört. Die Gefahr eines dauerhaften Sekretstaus im Mittelohr liegt neben den wiederkehrenden akuten Mittelohrentzündungen aber in einer Gefährdung der weiteren Entwicklung des Kindes. Eine dauerhafte Sekretansammlung im Mittelohr beeinträchtigt das Hörvermögen des Kindes. Hört das Kind schlecht, leidet eventuell auch die Sprachentwicklung und Wahrnehmungsfähigkeit darunter. Doch diese sind wichtig für weitere Lernprozesse. Schwächen treten oft erst im Schulalter auf und zeigen sich z.B. als Lernschwäche.

 

Schulkinder:

In diesem Alter werden Eltern oft mit folgenden Auffälligkeiten konfrontiert:
  • Kopfschmerzen
  • Konzentrationsschwäche/ Aufmerksamkeitsdefizitssyndrom (ADS)
  • Aufmerksamkeitsdefizitshyperaktivitätssyndrom (ADHS)
  • Lernstörung
Ursachen dafür sind aus osteopathischer Sicht oft Funktionsstörungen, die zu einem früheren Zeitpunkt entstanden, aber vom Kind eventuell gut kompensiert worden sind. Ab dem Schulalter ändern sich aber die Belastung und die Anforderung an die Kinder.

Z.B. fordert die Konzentration auf Bücher oder Hefte eine gute Koordination verschiedener Augenmuskeln. Diese kann durch veränderte Spannungsverhältnisse verschiedener Strukturen im Hals- Kopfbereich verschlechtert sein, was zu einer Überanstrengung der Augenmuskeln führen kann. Das Kind bekommt eventuell tränende Augen, reibt sich die Augen oft oder bekommt Kopfschmerzen und schaut zur Entlastung immer wieder aus dem Fenster. Oft heißt es dann, das Kind leide an einer Konzentrationsschwäche oder an einem Aufmerksamkeitsdefizitssyndrom (ADS).

Das lange Sitzen und der wechselnde Blick von der Tafel auf die Bücher oder Hefte setzt eine gute Funktion der Wirbelsäule und der Rückenmuskulatur voraus. Eine Bewegungsstörung der oberen Halswirbelsäule stört diese und kann z.B. bei einem Kind zu einer eher unbewussten Verspannung des Nackens führen, welches das Kind während des Unterrichts zunehmend unruhig werden lässt. Ziel der verstärkten "Unruhe" ist es, den unbewusst verspannten Nacken zu entlasten. Womöglich entsteht hier der Verdacht auf ein Aufmerksamkeitsdefizitshyperaktivitätssyndrom (ADHS).

Ist das Kind nun oft während des Unterrichts damit beschäftigt, seinen Nacken oder die Augen zu entspannen, können langfristig gesehen natürlich Lernstörungen entstehen.

 

Kieferorthopädische Probleme (z.B. Überbiss, Kreuzbiss)

Im Laufe des Wachstums des kindlichen Gesichtsschädels mit Ober- und Unterkiefer und der zweiten Zähne kann es zur Entstehung sog. Fehlbisse wie z.B. dem Überbiss oder Kreuzbiss kommen. Kieferorthopäden versuchen meist, dies durch Anpassen von Spangen oder Schienen zu korrigieren.
Aus osteopathischer Sicht liegen mögliche Ursachen solcher Störungen oft im Säuglingsalter, wo sich z.B. durch Bewegungsstörungen der oberen Halswirbelsäule oder des Beckens Asymmetrien im Bereich des Schädels bilden können. Eine Normgerechte Entwicklung von Ober- und Unterkiefer sowie der Zähne ist aber von einer möglichst ungehinderten und symmetrischen Entwicklung des gesamten Kopfes, besonders der sog. Schädelbasis abhängig.

Im Säuglingsalter können mit Hilfe von Osteopathie bereits störende Einflüsse auf die spätere Entwicklung der Bissform gemindert bzw. beseitigt und ein normgerechtes Wachstum unterstützt werden. Sollten im Kleinkindalter bereits Tendenzen zu einer Entwicklung eines Fehlbisses erkennbar sein, können diese häufig durch Osteopathie positiv beeinflusst werden, so dass eine spätere kieferorthopädische Behandlung sanfter und kürzer stattfinden kann  bzw. eventuell gar nicht mehr stattfinden muss. Sollte bereits eine kieferorthopädische Behandlung stattfinden, kann Osteopathie begleitend helfen, eine Korrektur der Bissform zu erreichen oder Begleiterscheinungen wie z.B. Kopfschmerzen zu lindern.

In diesem Rahmen wird eine Neurofunktionelle Trainingstherapie angeboten. Hierzu wird ein bestimmtes Hausaufgabenprogramm vermittelt, welche als ganzheitliches Konzept eine Korrektur der orofacialen (Mund und Gesicht betreffend) Funktionalität anstrebt.



Um Kinder in der Zeit des Heranwachsens möglichst effektiv zu unterstützen, ist eine gute multidisziplinäre Zusammenarbeit von Schulmedizin, Osteopathie, Naturheilkunde, Logopädie, Ergotherapie, Physiotherapie, etc. absolut wünschenswert. 

 

 

 


(c): www.osteopathie-rabsch.de - 23.09.2017 05:39
Vervielfältigung nur mit Genehmigung, alle Rechte vorbehalten
URL: www.osteopathie-rabsch.de